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Homo homini lupus

Der Glaube an einen Schöpfer ist irrig. Sollte ein Gott die Welt und seine Bewohner mit den  bekannten  Verhaltensformen erschaffen haben, dann ist dieser Gott ein Pfuscher. Unbestreitbar. Die treibende Kraft der Entwicklung der Lebewesen ist etwas anderes; die Evolution etwa. Andere Lösungen sehen wir nicht.

Wir aber funktioniert diese Evolution? Nach dem Gesetz des Stärkeren. Denn der Stärkere gewinnt die Hierarchiekämpfe und kann sich danach fortpflanzen, somit seine (stärkeren) Gene weitergeben. Er zeugt „stärkere“ Artgenossen.

Was geschieht mit dem Wunsch nach Gleichheit? Er erstirbt. Kein Lebewesen ist bereit, auf seine stärkere Stellung, auf seine Macht zu verzichten. Der Wunsch nach Gleichheit gehört den Schwachen, den Verlierern, den Unterdrückten. Er bleibt nicht realisierbar. Trotz Jesus von Nazareth, Karl Marx und Mutter Theresa. 

Darwin, Nietzsche und Freud deuten die Welt.

Da stellt sich unausweichlich die Frage, was „Moral“ ist. Theologen und sonstige Esoteriker möchten gerne „Moral“ mit einem göttlichen Ursprung ausstatten. Doch da der Gott ebendieser Theologen höchst unmoralisch ist, kann das nicht funktionieren. Der Widerspruch ist offensichtlich. 

Hanno Sauer (Moral, Piper 2023) begründet die Entstehung von Moral evolutionsgeschichtlich als Ergebnis von menschlicher Kooperation und Angst vor Bestrafung der Trittbrettfahrer. Diese rein pragmatische, deskriptive Sichtweise hat die normative Rolle der „Moral“, die ihr von den Religionen und ihren Auswüchsen wie die Kasuistik verschrieben wurde, definitiv entsorgt.

Ihre richterliche Funktion, wonach die Tugend belohnt und der Frevel bestraft wurde, verlor ihre Berechtigung und Glaubwürdigkeit. Ein Beispiel (von vielen)? Als 1755 die Stadt Lissabon von einem verheerenden Erdbeben erschüttert wurde, blieben etliche Bordelle von der Zerstörung verschont, doch manch eine Kirche wurde in Schutt gelegt. Wollte man nicht behaupten, dass Bordelle Tugendtempel waren und die Kirchen Sündenpfuhle, mussten phantasievolle Erklärungen erfunden werden. Die berühmte Schreibkunst Gottes (auf krummen Linien gerade schreiben zu können) half auch hier aus der Patsche. 

Uns bleibt nur die traurige Einsicht, dass der Starke den Schwachen frisst. Dies hat nichts mit Moral zu tun und ist allgemeingültig. Selbst in der Politik herrscht Gesetz des Stärkeren sowohl links wie auch rechts. Moral hat keine „objektive“ Richtfunktion, da kein objektiver Wertsetzer (Gott) vorhanden ist. Die Relativität ist offensichtlich. Die „Moral“ diverser Kulturen ist zum Teil widersprüchlich. Zwar wird der Geschichtsschreiber Herodot oft gerne als Berichterstatter der Regenbogenpresse verschrien und seine Berichte werden in Frage gestellt, doch er muss über reichhaltige Quellen verfügt haben. Er beschreibt einen Fall zur Illustration der diversen Moralauffassungen. „Als Dareios König war, liess er einmal alle Griechen seiner Umgebung zu sich rufen und fragte sie, um welchen Lohne sie bereit wären, die Leichen ihrer Väter zu verspeisen. Die aber antworteten empört, so etwas würden sie um keinen Preis tun. Darauf rief Dareios die indischen Kallatier, die traditionsgemäss die Leichen der Eltern essen, und fragte sie in Anwesenheit der Griechen, um welchen Preis sie ihre verstorbenen Väter verbrennen würden. Sie schrieen laut auf und baten ihn inständig so gottlose Worte zu lassen. So steh es mit den Sitten der Völker. (Herodot, Historien, drittes Buch, § 38)

Die Bemühung der Religionen, das alltäglichen Leben mit Moralgesetzen zu lenken, hat in vielen Gesellschaften als Hemmschuh gewirkt. Homo homini lupus; in erster Linie behandelt der Mensch seine Nächsten mit Aggression, Kraft und Gewalt. Die Ausnahmen werden von der Vernunft vorgeschlagen, die ab und zu auch den Schwachen ein wenig Platz lässt.