Wer bin ich?

Die erste Visitenkarte des Lebens war für mich, wie für viele meiner Altersgenossen, ziemlich traumatisch: Flugzeuge röhrten im Himmel von Ost nach West über Budapest und warfen Zerstörung herab. Viele Menschen lagen still, sehr still am  Boden. Ich verstand mit vier Jahren noch nicht, dass sie tot waren. Die grossen, schwarzen Vögel am Himmel brachten nicht nur Verwüstung; sie machten auch den Weg frei für die Tyrannei. Die Hölle Hitlers wurde durch die Hölle Stalins ersetzt. Der grosse Bruder nannte dies „Befreiung“. Mein Hass auf Machtsysteme reicht in die Kindheit zurück. Auf alle Machtsysteme.

Die Steine, die jung und alt 1956 auf die russischen Panzer in Ungarn warfen, haben zwar keine Freiheit für das Land gebracht, doch für kurze Zeit den eisernen Vorhang gehoben. Ich konnte in die Schweiz entkommen. In diesem herrlichen Land, dessen Bürger ich wurde, fand ich ziemlich alles, ausser Heldenidealen. Der junge Flüchtling träumte davon für sein Geburtsland zu kämpfen. Da dies nicht möglich war, suchte ich nach anderen hehren Zielen. Gut katholisch erzogen, meinte ich im Dienste des Glaubens Verwirklichung zu finden. Zwar waren Mathematik und Kybernetik meine ersten Studienziele, doch einer plötzlichen Eingebung folgend trat ich in den Jesuitenorden ein. Eine neue Welt öffnete sich. Das mystische klösterliche Leben im Noviziat, die bizarren Tropfsteinhöhlen der scholastischen Philosophie, der sich weitende Horizont der Geistesgeschichte und schliesslich die Fassadenkletterei der Theologie führten den tief Gläubigen über den Skeptizismus zum demütigen Agnostiker. Das bisherige Gottesbild rückte in die Gemäldegalerie. Der Orden und die Kirche waren als Hort für den jungen Mann nicht mehr geeignet. Ich trat nach sieben Jahren wieder in die säkulare Welt ein und stellte mit Schrecken fest, dass ich im geistigen Gepäck viel Weises doch wenig Pragmatisches mit mir führte. Die Frage nach dem Überleben drängte sich auf. Der Doktor der Philosophie liess sich zum Bankfachmann ausbilden. Dies war zwar ein fürchterlicher Rollenwechsel, doch Mammon erlaubte dem dürren Asketen, sich ein Bäuchlein zuzulegen. Die Vergangenheit hatte aber in seinen Geist ihre Ableger gesetzt. Ich studierte, recherchierte, notierte, dachte und schrieb weiter. Während Jahrzehnten. So entstand mein Erstlingswerk nach meinem Rückzug aus dem Berufsleben. „Die Audienz“ eben. Mein neues Buch “Des Pudels Kern” ist Ende Januar 2012 bei Buch&Media erschienen.