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Gedanken

Dieses schrecklich schöne, schrecklich beängstigende, schrecklich traurige Bild von Francisco de Goya ist ein Aufschrei gegen das Leiden. Der vom Sandsturm halb verschüttete Hund kann sich gegen die höhere Gewalt nicht wehren. Er wartet und blickt ergeben hinauf, woher das endgültige Urteil über ihn kommt.
Im Betrachter ruft das Bild nicht nur Mitleid hervor. Nein, auch Empörung, Protest, Ablehnung.

Mancher vermutete, Goya hätte mit diesem Bild Gott im Visier gehabt. Andere schreien empört Sakrileg und wenden sich ab. Einerlei.

Betrachte das Bild. Gibt es einen solch grausamen Gott? Jene Götter, die den Menschen durch ihre Religionen auf den Weg mitgegeben wurden, sind gewiss an menschlichen Schwächen, an Grausamkeit, an Widersprüchen, an Egoismus und Eitelkeit kaum zu übertreffen. Denn der Mensch schuf Gott nach seinem Bilde, nach dem Bilde des Menschen schuf er ihn.

Schon vor zweitausend fünfhundert Jahren gab es Denker, die erkannt hatten, dass Götter ein anthropomorphes Konstrukt sind. So meinte Xenophanes: Wenn die Ochsen und Rosse und Löwen Hände hätten oder malen könnten mit ihren Händen und Werke bilden wie die Menschen, so würden die  Rosse rossähnliche, die Ochsen ochsenähnliche Göttergestalten malen und solche  Körper bilden, wie jede Art gerade selbst ihre Form hätte. Und Lukrez fügte etwa ein halbes Jahrtausend später hinzu: Die Angst ist die erste Mutter der Götter. Die Angst vor dem Unbekannten. Dunkelheit, Naturgewalten, Tod, Krankheit, Leiden, Ausmasse des Universums, all diese Phänomene riefen Gott auf den Plan, der dafür herhalten musste, dass der Mensch für seine Fragen keine Antworten fand. Doch der Mensch ist bekanntlich neugierig, ein suchendes Wesen. Er forscht auf allen Gebieten und findet immer mehr Antworten auf die geheimnisvollen Phänomene, die ihn umgeben. Gott muss nicht mehr für Blitz, Erdbeben, Überschwemmungen und Vulkanausbrüche bemüht werden. Die Gesetze der Natur wurden enthüllt, der „Lückenbüssergott“ immer stärker zurückgedrängt. Die Religionen versuchten sich dagegen anzustemmen. Wer nicht glauben wollte, musste daran glauben. Giftbecher, Scheiterhaufen, Verstümmelungen, Morde und im milderen Falle Vertreibungen sollten helfen, die „Ungläubigen“ zur Räson zu bringen. Oder zumindest die anderen davon abzuhalten, diesen verwegenen Gestalten zu folgen. Gott wurde zu jener Erfindung des Menschen, in dessen Namen er seinen Nächsten tötet. Doch die Bleibe des Lückenbüssergottes wurde immer enger. Verwegene Freidenker, nüchterne Wissenschaftler, aufgeklärte Künstler wagten es immer mehr, ihn zu verdrängen. Alle, die um jeden Preis an den vom Menschen erschaffenen Gott glauben wollen, entgegneten, dass es noch genügend ungeklärte Fragen im Leben gibt, um Gott nicht den Arbeitsvertrag zu künden. Was sie allerdings nicht sagen können, warum Gott diese Fragen beantworten würde. Und wie. Beharrlich halten sie fest, dass sie auf jeden Fall recht haben. Der Glaube erweist sich als die Kunst, sich bei den eigenen Haaren aus dem Sumpf zu ziehen. Für die Theologen bleibt er jedoch die Bastion, die ihre Stellung verteidigt. So hört man den Papst rufen, wie ein verwöhntes Kind nach seinem Spielzeug ruft: wir müssen ganz fest glauben, glauben, glauben. Warum, Herr Ratzinger? Etwas für wahr halten, weil die anderen behaupten, dass es von Gott kommt? Von welchem der vielen Götter? Meinem, seinem, Ihrem? Und woher kommt Ihre Sicherheit? Vom Hörensagen, nicht wahr? Doch wenn man das statt Hörensagen „Gnade“ nennt, so bekommt die Sache eine völlig andere Dimension und muss mit heiliger Ehrfurcht umhegt werden. Und dazu gibt es noch jede Nostalgiker – Kreationisten werden sie genannt und hausen meistens in den USA – die alles Biblische sogar wörtlich glauben wollen. Für diese wird die Erde stets eine Scheibe bleiben.